home

Sie können sich den Flyer auch als PDF herunterladen:
Flyer (PDF)

Zum lesen von PDF Dateien benötigen Sie Acrobat Reader:
Download

Hier finden Sie den aktuellen Text des Flyers der Initiative (Stand Juni 2005):

Entwicklung
Konzept
Ebene 1
Ebene 2


Entwicklung

Seit geraumer Zeit erfährt unsere industrialisierte Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel. Sichtbares Zeichen dafür ist die seit ca. 25 Jahren andauernde Massenarbeitslosigkeit. Zieht man einen historischen Vergleich mit der Zeit vor ca.150 Jahren, am Ende der europäischen Agrargesellschaft, so ist dieses Phänomen nicht neu. Durch die Technisierung in der Landwirtschaft wurde damals massenhaft menschliche Arbeit freigesetzt und Millionen Menschen verloren ihre existentiellen Grundlagen. Erst nach und nach wurden sie in die neu entstehenden industriellen Produktionsbereiche eingebunden. Vor diesem Prozess waren noch ca. 80% der Bevölkerung im Agrarbereich tätig; heute sind es nur noch 5%.

Zu dieser Zeit entstand der enge, der Industrialisierung angepasste Arbeitsbegriff der Lohn- bzw. Erwerbsarbeit, den wir inzwischen zur Doktrin erhoben haben. Dies bedeutet, Arbeit ist erst dann Arbeit und gesellschaftlich anerkannt, wenn sie dem direkten ökonomischen Verwertungsprozess unterliegt. Doch diese Verkürzung der Arbeitsdefinition entwickelt sich inzwischen zu einem gesellschaftlichen Dilemma. Denn durch die rasanten technischen Veränderungen ist es inzwischen auch in der Industrie möglich, mit immer weniger Beschäftigten immer mehr zu produzieren. Selbst im Dienstleistungssektor, von dem vor Jahren noch eine Kompensation erhofft wurde, werden, nicht nur wegen der Computerisierung, sondern auch durch den wachsenden Druck der Kapitalmärkte, massiv Stellen abgebaut.

Durch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust werden längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten durchsetzbar, die noch zusätzlich Stellen vernichten und gleichzeitig den Leistungs- und Disziplinierungsdruck auf die verbleibenden Erwerbstätigen erhöhen. Dass der Rückgang der (Erwerbs-)arbeit nicht nur ein vorübergehendes Phänomen, sondern die Konsequenz einer 150-jährigen historischen Entwicklung ist, wird von den maßgeblichen Akteuren in Politik und Wirtschaft hartnäckig ignoriert.Weiterhin wird ihr und unser aller Denken und Handeln vom Bild der „klassischen“ Erwerbsarbeit geprägt. Das heißt es scheint heute, in unserer lohnarbeitszentrierten Gesellschaft, fast alles vom Arbeitsplatz abzuhängen: das Einkommen, das persönliche Selbstwertgefühl, der soziale Status und damit auch das gesellschaftliche Ansehen. Er wird zum eigentlichen Sinnstifter stilisiert, obwohl oder gerade weil er zur Mangelware wird.

Zwar verliert man mit dem Verlust des Jobs nicht unbedingt jegliche soziale Sicherheit wie vor 150 Jahren, aber das „sinnstiftende Element“ im Leben kommt abhanden.Was sich bei den Meisten einstellt, ist eben nicht Freude darüber, mehr Freizeit, mehr Muße zu haben, sondern schlicht das Gefühl, überflüssig zu sein, nicht mehr gebraucht und dadurch zum Außenseiter zu werden. Der einstige Traum, das „Joch“ der industriellen Arbeit abzulegen und sich selbstbestimmt den „wirklichen“ persönlichen, sozialen und kulturellen Bedürfnissen widmen zu können, erweist sich für viele geradezu als Alptraum.

Warum nehmen wir die im Grunde paradiesischen Zustände nicht als solche wahr und machen etwas daraus?

Seitenanfang

Konzept

Wir schlagen vor, über Arbeit viel grundsätzlicher nachzudenken als wir dies zur Zeit tun und sich von überholten Paradigmen der Lohnarbeitsgesellschaft zu befreien. Dann werden wir feststellen: Arbeit gibt es genug! Wir müssen uns fragen welche Funktion und welchen Sinn Arbeit in Zukunft haben kann, und welche Neubewertung sie erfahren muss, wenn immer weniger Menschen erwerbstätig sind. Ist es eigentlich sinnvoll alle Tätigkeiten in Erwerbsarbeit überführen zu wollen und damit zu kommerzialisieren – von der Kindererziehung über die Pflege von alten Menschen bis zur Nachbarschaftshilfe? Wollen wir, dass unser Lebenssinn wie bisher an die Erwerbsarbeit gekoppelt bleibt? Wie kann man erreichen, dass Menschen auch unabhängig von einer bezahlten Tätigkeit sich wertvoll fühlen, materiell ausreichend abgesichert sind und nicht zu Außenseitern stigmatisiert werden? Ist die Arbeit der Zukunft quantifizierbar und damit überhaupt noch beurteilbar?

Klar ist, wir brauchen neben Veränderungen der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch Veränderungen in den Köpfen. Unsere „Initiative für selbstbestimmte Arbeit“ will deshalb auf zwei Ebenen agieren.

Zum einen wollen wir in den gesellschaftlichen Diskurs über Arbeit eingreifen um zur Entstehung von gesellschaftlichen Freiräumen beizutragen, die dazu führen, dass über die Erwerbsarbeit hinaus eine Vielfalt von Arbeitsformen gesellschaftlich anerkannt und praktiziert werden.Wichtigste Voraussetzung dafür wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Zum anderen wollen wir hier und jetzt für uns selbst, als Einzelner und als Gemeinschaft, persönliche Freiräume schaffen, die uns ermöglichen mit vielfältiger selbstbestimmter Arbeit zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln.

Dieses Vorgehen ermöglicht auf unterschiedlichen Ebenen,Wege, in unterschiedlichen Formen und Geschwindigkeiten, die Ziele durchzusetzten.

Seitenanfang

Ebene 1

Wir schlagen deshalb vor, die Arbeit aus ihrer ökonomischen Enge zu befreien, um sie in ihrer ganzen Vielfalt gesellschaftlich anzuerkennen. Denn bei genauer Betrachtung haben wir keine Krise der Arbeit, sondern eine Krise der Erwerbsarbeit, die wir politisch und intellektuell lösen müssen. Es gilt diese Krise als Chance zu verstehen.

Erste und wichtigste Voraussetzung dafür ist, allen BürgerInnen ein nicht an Arbeit gebundenes, bedingungsloses und auskömmliches Grundeinkommen zu garantieren. Es stellt einen individuellen Rechtsanspruch dar, und kann, sofern gewünscht, durch Einkommen aus Erwerbsarbeit ohne Anrechnung aufgestockt werden. Dies wäre ein weiterer Schritt in eine soziale Gesellschaft, die auf ihre mündigen und selbstbestimmten Bürger vertraut. Diese Gesellschaft wäre zu qualitativ viel höherwertigeren Leistungen fähig, denn sie würde vielmehr als bisher auf die Talente und Kompetenzen des Einzelnen setzen, da Motivation und Freiwilligkeit zum Hauptausgangspunkt der zukünftigen Arbeit werden würde.

Es würde ein Prozeß in Gang gesetzt werden, der nicht nur auf der materiellen, sondern gerade auch auf der psychologisch und kulturellen Ebene wirkt. Die Abkehr von der scheinbar allein sinnstiftenden Erwerbsarbeit, die für viele bei genauerer Betrachtung immer weniger Sinn macht, sollte uns also keine Angst machen. Denn sie wird keinen Verlust darstellen, sondern kann Entwicklungen auf den verschiedensten Ebenen freisetzen, die als Bereicherung erlebt würden. Durch die größere Unabhängigkeit von ökonomischen Prozessen gäbe es die Möglichkeit, Zeit und Geschwindigkeit freier zu bestimmen, Inhalte des Lebens offener zu gestalten und Werte, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, neu zu überdenken.

Die oft geäußerte Befürchtung, dass kein Mensch mehr arbeiten würde sobald ihm die Existenzangst durch ein Grundeinkommen genommen würde, kann „ … eigentlich nur von denjenigen geäußert werden, für die Arbeit eine widrige Nötigung ist […]. Diejenigen hingegen, für die eine Arbeit Wert hat, die sie als Selbstverwirklichung und Selbstbehauptung ansehen und nutzen können, müssten die Meinung vertreten, dass Lust und Freude am Arbeiten mit Arbeitszwang unvereinbar sind, und durch dessen Abwesenheit erhöht werden. …“ (Zitat: André Gorz).Wer nicht wahrnimmt, dass das Tätigsein in der Natur des Menschen liegt, unterschätzt, davon sind wir überzeugt, grundsätzlich die menschliche Kreativität. Dem hilflosen agieren der derzeitigen Politik, die mangels politischer Visionen nur noch auf veraltete und ökonomische Strategien setzt, können wir deshalb nicht mehr länger tatenlos zusehen. Wir wollen, dass die Vision einer neuen Tätigkeitsgesellschaft, die den Mensch wieder in den Mittelpunkt stellt, Wirklichkeit wird.

Seitenanfang

Ebene 2

Darüber hinaus wollen wir als Initiative einen Prozess in Gang setzen, der zunächst unsere eigene und dadurch auch die Welt um
uns herum verändert.Wir wollen jetzt schon die Qualitäten eines selbstbestimmteren Arbeitens und Lebens erfahren. Die Erwerbsarbeit bildet dabei, wie dies zur Zeit gesellschaftliche Konvention ist, nicht zwangsläufig den Lebensmittelpunkt. Ganz im Gegenteil – wir setzen sie unter eine kritische Bestandsaufnahme. Entspricht diese unseren Neigungen und Talenten und macht sie für uns Sinn? Ist ihre Form unserer Lebenssituation angemessen? Nimmt sie zu viel Raum ein? Werden wir, ohne dass wir es merken, zum Aussenseiter weil man keine Zeit für Partner, Familie und andere soziale Kontakte hat? Oder ist der Verlust der Erwerbsarbeit sogar eine Chance zur Neuorientierung? Welches Ergebnis und welche Auswirkung diese Überprüfung im alltäglichen Leben haben kann, bleibt jedem von uns selbst überlassen, denn das persönliche Experiment steht im Vordergrund.

Die verschiedensten Tätigkeitsfelder stehen für uns dabei offen: Arbeit am und mit Menschen, wie z.B. familiäre und außerfamiliäre
Betreuung von Kindern und älteren Menschen, Bildungs- und Weiterbildungsarbeit, freie/persönliche Wissens- und Forschungsarbeit, Arbeit in Kultur und Handwerk, politische Arbeit, ökologische Arbeit, Arbeit an sich selbst und in Beziehungen, Nachbarschaftshilfe, Lokal- und Stadtteilarbeit, Arbeit in der Grundversorgung für sich und Andere, darüber hinaus natürlich auch die zahlreichen Formen der „klassischen“ Erwerbsarbeit und vieles mehr.

Die Initiative versucht dabei den Einzelnen zu unterstützen, ohne jedoch feste Regeln aufzustellen. Diese Unterstützung reicht vom Erfahrungsaustausch bis zu gemeinsamen konkreten Projekten. Unsere Initiative versteht sich dabei als eine Keimzelle einer wachsenden Bewegung und als eines von vielen vernetzten Projekten.

Unsere Vorgehensweise hat Prozesscharakter, das heißt Ziele und Strategien werden durch aktives Handeln und die dadurch entstehenden Erfahrungen weiterentwickelt. Der Prozeß ist bereits Ergebnis. Konkretes Handeln kann natürlich, in einer Welt die „anders tickt“, immer auch Auswirkungen haben, die im Widerspruch zu Zielen stehen. Wir agieren bewußt in diesem Spannungsfeld.

Wir verstehen uns nicht als Aussteiger, sondern als Einsteiger in eine neue Tätigkeitsgesellschaft!


Links

Seitenanfang | © ISA, 2005-2006